
Der Luftlochschläger
Roman
Juni Verlag, M´Gladbach 1990
Der Luftlochschläger ist weder Buddhist, obwohl er sich mit der Leere beschäftigt, noch Anarchist, obwohl er seine Luftlöcher den staatlichen Blutbahnen injiziert, noch Antichrist, obwohl er das Nichts dem Göttlichen zur Seite stellt, noch Müßiggänger, obwohl er nichts Besseres zu tun hat, noch Grüner, obwohl er für eine bes- sere Luft eintritt, noch Dialektiker, obwohl das Schlagen eines Luftlochs den Gegensatz von positiv und negativ geladener Luft in eins fallen läßt, - er schlägt Luftlöcher, nicht mehr und nicht weniger. Und die schlägt er im Chorgang des Kölner Doms. Sie bewahren ihn davor, zu tief in das Räderwerk der Stadt, diesen Schlamassel aus Sehnsüchten, Eitelkeiten, Hoffnungen und Animositä- ten, einzutauchen, bis eines Tages eine Japanerin seinen Weg kreuzt und ihn fast dazu bringt, seine Luftlöcher künftig in Fernost zu schlagen.
Der Roman ist eine Art Kammerspiel. Er erzählt eine kleine Geschichte mit großer Tragweite, in der humor- voll über das Wesen der Leere nachgedacht, die eigenwil- lige Suche eines Kölnischen Ulenspiegels nach dem Loch der Löcher beleuchtet, eine Fast-Liebesgeschichte zwi- schen Ost und West verfolgt und die Verwandlung der bildenden Kunst zum goldenen Kalb gegeißelt wird.
Rolf Steiner versteht es, frei von jeglicher heutzutage so beliebten Volkstümelei, die phantastische Gestalt des Luftlochschlägers zu erden und die Kunst des Luftloch- schlagens wörtlich zu nehmen. Er hat kein modernes Märchen geschrieben. Ein Luftloch ist ein Luftloch.
– Sagen Sie bitte etwas auf japanisch.
– Mir fällt nichts ein, was Sie interessieren könnte.
– Was heißt Luftlochschläger?
– Oh, was ist denn das?
– Jemand der Luftlöcher schlägt.
– Luftlöcher? Sie sprach das ch so weich wie ein Lidschlag.
– Ja, Luftlöcher.
– Luft ist schon nicht viel und davon noch ein Loch, das ist doch gar nichts.
– Ah, ich sehe, Sie verstehen...
– Wörtlich kann man es nicht übersetzen, aber vielleicht sinngemäß.
– Koki no ana tataki... das gefällt mir.
Der Luftlochschläger ließ die Silben auf der Zunge zergehen.
– Woher haben Sie die Luftlöcher?
– Ich schlage sie.
– Aber Sie schlagen doch nicht blind in der Gegend rum.
– Mit der Zeit bekommt man einen langen Arm und spürt, wo sie sitzen, wo sich Plus und Minus die Waage halten. Im Dom gibt es die besten, wenn überhaupt, dann kann man nur hier das absolute Loch schlagen.
– Ah-so...
Sie verstand nichts, fühlte aber, daß es etwas zu verstehen gäbe, wenn sie auf ihre Intuition vertraute.
– Haben Sie schon mal etwas vom Unmöglichen- möglich-machen gehört? Nein? Auch nicht von der Patphysik?
Die Japanerin verneinte auch das.
– Tja, wie soll ich es Ihnen erklären, kennen Sie Dr. Faustroll, Raymond Roussel, Alfred Jarry? Das sind die großen internationalen Luftlochschläger, leider schon alle tot ...
Er überlegte ernsthaft, wie er ihr seine Tätigkeit begreiflich machen könnte. Einer Japanerin das Unerklärbare zu erklären, das war eine Herausforderung! Vielleicht könnte man es am ehesten mit der Föhnforschung vergleichen, Herbert Achternbusch betreibt sie unten in Bayern...
– Was ist ein Föhn? fragte die Japanerin.
– Der Föhn ist eine Luftströmung, von der man nicht weiß, ob sie wirklich existiert, oder ob sie nur die Bereitschaft der Bayern ist, zu leiden.
– Ach-so ...