
DER HIMMEL HAT DAS GRÖSSTE LOCH
Zwei Filmerzählungen, Ultra Posse, Köln,1990
Der Vorzugsausgabe sind zwei Filmstreifen,
8 und 16mm, beigebunden.
Auflage: 250 & 30 Vorzug.
Normalausgabe: 18 €, Vorzugsausgabe: 65 €
Ein Glück, daß ich nicht nur filmen, sondern auch schreiben kann. Und daß die künstlerischen Disziplinen nur verschiedene Aggregatzustände ein und derselben Energie sind. Es gibt Wasserkraft, Kohlekraft, Sonnenkraft, Windkraft, Atomkraft. Die Bildkraft und die Wortkraft. Der Film läßt sich in Worte fassen. Man muß flexibel sein. Die Liste der abgelehnten Filme ist lang/ Sie wird lang und länger/ Langsam frage ich mich/ Wie lang muß sie noch werden bis sie wieder kürzer wird. Schreiben ist die billigste aller Disziplinen. Jeder abgelehnte Film wird ein Buch. Die Überführung der Bildwelt in die Wortwelt tut jedoch weh. Worte sind trocken, wenn man saftige Bilder im Kopf hat. Und man kommt nicht durch die Welt, sondern muß zuhause bleiben. Man vertauscht den aufregenden gesellschaftlichen Mikrokosmos des Filmteams mit der Robinsonade hinter dem Schreibtisch.
Alles beginnt mit dem Abstieg ins Schattenreich der eigenen Phantasie. Man betritt sein eigenes Kino und schließt die Augen. Ein sehr persönlicher Film wird an die Schädeldecke projiziert. Die Bilder denken sich und ein Film oder ein Buch sind geboren,denn: der Ausgangspunkt für beide ist der gleiche, nämlich eine Unruhe, die geformt werden will, die den persönlichen Filmstreifen speist und erst später entweder auf 8, 16, 35mm großen Bildern oder in Worten festgehalten wird. Bilder sind die Ursuppe, Worte die Blasen auf der Oberfläche. Bei "Andritsena" und "Der Luftlochschläger" haben unbedingter Wunsch und äußerst spärliche private Geldmittel dafür gesorgt, daß, Hallelujah, saftige Bilder entstanden sind. Und trotzdem liegt jetzt die Wortversion vor. Ein anderer Aggregatzustand. EinMannkino (Kino des Schriftstellers und des Filmemachers, ihr Schattenreich.) – Drehbuch – Film – Filmerzählung, ein langer Weg, aber kein schlechter. Die Filmerzählung ist ein Zwitterwesen, da sie einerseits literarisch, andererseits von der Struktur des Films geprägt ist. So wie die literarische Erzählung aus dem Leben schöpft, schöpft die Filmerzählung aus dem Film. 90 Minuten Kino = 90 Minuten Lebenserfahrung. Die Geschwindigkeit bringt das Leben und die laufenden Bilder einander näher. Mit der einen Hand zerreißt sie das Leben in kleine Erfahrungsflicken, mit der anderen schiebt sie die Lebensbilder aufeinander. Der Schnittmeister hinter dem Schneidetisch ist der große Kompressor, Herr über die Geschwindigkeit. Er bremst und gibt Gas. Der größte lebende Verdichter ist Godard. Seine Filme, was ihren literarischen Aggregatzustand beträfe, wären alle Gedichte und Prosagedichte. Sie sind wie ein Weg, der mit jedem Schritt in Bruchstücke zerfällt – ein Gehen auf erkalteten Lavaschollen – und sich gleichzeitig hinter dem Rücken wieder zusammensetzt. Man hat immer so eine Ahnung, wo es lang geht, weil der Rücken ja auch spüren kann. Niemand hat so leichten Umgang mit den Handlungssplittern und Residualsubjekten wie er. Er kennt die Fluchtlinien zur zellularen Ebene (Timothy Leary) wie seine Westentasche. Niemand hat so leichten Umgang mit ehernen, klassischen Stoffen (Maria und Joseph, Prenom Carmen, King Lear). Er setzt sie in alltägliche, heutige Bilder um, die nicht konstruiert und banal, sondern in ihrer Einfachheit bestechend sind. Er hat Humor und Geist. Das hat er mit Herbert Achternbusch gemeinsam, aber nicht mit Alexander Kluge, der zu klug ist, um mit dem Knie zu denken.
"Der Luftlochschläger" und "Andritsena" lassen sich gut in Worte fassen. Der Gang der Handlung ist linear, die Helden tun nicht viel mehr, als daß sie gehen, Odysseus durch die Eifel und Süssido durch die Kuppe des mittleren Peleponnesfingers, Mani genannt. Text/innerer Monolog und Bild sind gleichrangig. Sie ziehen wie zwei parallele Ströme durch beide Filme. Was wäre, wenn sich Odysseus vom Mastbaum losgerissen hätte...? "Andritsena" gibt die Antwort. Was hat der Luftlochschläger mit Odysseus zu tun? Er braucht weder Wachs noch Fesseln, da er für jeden Wunsch ein Luftloch schlägt, in dem er verschwindet. Odysseus war ein Luftlochschläger. Er war der antike Vorgänger des heutigen, der, wenn er nicht auf Mani ist, im Kölner Dom seiner Arbeit nachgeht. Der Luftlochschläger wehrt sich dagegen, Odysseus rückwärts zu sein. Er behauptet, Odysseus sei nur dadurch zu einem Namen gekommen, daß Homer den seinigen, nämlich Süssido, rückwärts gelesen habe, Odysseus also ein umgekehrter Luftlochschläger sei, und nicht er ein umgedrehter Odysseus. Odysseus vor und zurück, wie dem auch sei, sie tragen das gleiche Hemd. Doch ihr Blut ist verschieden: Odysseus hat schweres, Süssido leichtes. "Andritsena" ist durchdacht und vorbereitet, der "Luftlochschläger" ad hoc entstanden, fast wie ein Urlaubsfilm. "Andritsena" wurde mit "guten" Kassetten gedreht, der "Luftlochschläger" mit "ranzigen", denn auf Mani gab es keine frischen mehr, nur solche, bei denen das Haltbarkeitsdatum schon drei Jahre überschritten war, was die richtig blauen Berge und die richtig violetten Sonnenuntergänge erklärt.
Immer die Not mit der Tugend erschlagend, so fristet der minderbemittelte Filmemacher sein Dasein. Super Acht!!! sag i.
Der Luftlochschläger ist weder Buddhist, obwohl er sich mit der Leere beschäftigt, noch Anarchist, obwohl er die Luftlöcher den staatlichen Blutbahnen injiziert, noch Müßiggänger, obwohl er nichts besseres zu tun hat, noch Grüner, obwohl er für eine bessere Luft ist, noch Dialektiker, obwohl das Schlagen eines Luftlochs den Gegensatz von positiven und negativen Luftströmungen aufhebt.... er schlägt Luftlöcher. Nicht mehr und nicht weniger! (Was ist eigentlich ein Straßenfeger?) Die Tautologie ist das einzig Wahre. – Arme Kritiker! Damit ist euch die Berechtigung entzogen, Parasiten auf dem Körper der Kunst zu sein. (Von Blutegeln übersät zieht Humphrey Bogart die African Queen durch den Sumpf.) Denn ihr tut ja nie das einzig Wahre, sondern kategorisiert immer, stellt Querverbindungen her, habt immer den Zeitgeist im Kopf, kurz, ihr erstickt das Konkrete mit dem flauschigen Kissen eurer Gedanken. (Für euch sollte eine Art Gema – Gebühr eingeführt werden: für jeden Artikel müßtet ihr einen Obulus entrichten, denn ihr frühstückt, eßt zu Mittag und zu Abend auf dem Rücken der Künstler.
Der Luftlochschläger ist am ehesten noch Kaspar Hauser.
Der Film in Worten oder die Lust, einen Stoff auf zwei verschiedene Arten zu bearbeiten. "Gleichsam auf Goldgrund entstanden, habe ich Teorema mit der Rechten gemalt, während ich mit der Linken zugleich damit beschäftigt war, ein Fresko auf eine große Wand (den gleichnamigen Film) zu bringen. Bei einer solchen Doppelnatur weiß ich nicht, was mehr Gewicht hat: die Literatur oder der Film. In Wahrheit war Teorema vor etwa drei Jahren schon als Piece in Versen entstanden; dann verwandelte es sich in einen Film und zugleich in die Erzählung, die dem Film zugrunde liegt und die durch den Film korrigiert wurde." schreibt Pasolini in der Vorbemerkung zu "Teorema oder die nackten Füße". "Das Buch in Drehbuchform ist der Film in Worten", zitiert Rolf Dieter Brinkmann Jack Keirouac. Das stimmt nicht ganz, da es den Film in Worten immer erst nach dem Film geben kann. Das Drehbuch ist nur ein Gerüst, das Angaben zu Ort, Licht, Zeitpunkt etc. und die Dialoge beinhaltet, nicht mehr, als ein Einkaufszettel für alle Beteiligten. Brinkmann wollte die überkommenen Kodierungen der Literatur aufbrechen und ihr die Filmschnipsel der Wirklichkeit injizieren, 24 Wörter pro Sekunde... ich halte nichts von Grenzüberschreitungen, diesen angestrengten versuchen, die Disziplinen ineinander zu überführen. Da tritt ein Maler, ein Musiker, ein Tänzer auf und noch irgendeine Hintergrundprojektion kommt dazu – der Tänzer tanzt die Musik, der Maler malt den Tanz, der Saxophonist läßt seine Finger auf den Ventilen tanzen, was soll der Quatsch!? Die Disziplinen reiben sich in flüchtigen Analogien auf und jede für sich genommen erreichte eine größere Intensität. Wenn die Sache selbst von einem schrankenlosen Geist durchdrungen ist, schwingen automatisch die anderen Disziplinen in Obertönen mit.
Es geht um Merk – würdigkeiten! Merkmal vieler heutiger Filme ist ihre Merk – würdiglosigkeit. Russ Meyers "Pussy Cat, Kill Kill Kill" oder "Mudhoney" – welche Merkwürdigkeiten!
Rolf Dieter Brinkmann wohnte bei mir um die Ecke. Er hätte sehr merkwürdige Filme gemacht. Immer, wenn ich durch die Engelbertstrasse gehe, blicke ich zu seinem Balkon hoch, ein Lichtblick in einer Zeit, in der das Mittelmaß vor nichts mehr halt macht. DaB er dort gelebt hat, wärmt mich noch heute. Von seinem Balkon aus hat er viele "KölnBlicke" geworfen. Wenn man seine unversöhnlichen Rundumschläge gegen die Welt liest, die an Lückenlosigkeit und Radikalität ihresgleichen suchen, spürt man seine grenzenlose Sehnsucht nach dem Positiven und gleichzeitig das Leiden an dem unumstößlichen Grundsatz,daß nur die Negation des Bestehenden das Positive schafft. Die Stadt Köln wird ihm kein Schild an die Tür machen, weil die Stadt Köln nur an Hotels und Mediaparks denkt und vollauf damit beschäftigt ist, sich in die Internationalität des Mittelmaßes einzukaufen. Das Wort "Spaß" wird groß geschrieben, Humor kennen sie nicht, sie tühlen sich gesund, ja gesund, spielen Squash, gehen ins Kino, ja ins Kino, Spielberg, de Palma und wie die Printen alle heißen, gut gemacht, gut gemacht, echt professionell, endlich macht die Kultur Spaß, ja Kultur, Theater, Musik, Bilder, Kino, das verträgt sich :etzt mit schnellen Autos, ja so soll es sein, ein Film wie ein Ferrari, exclusiv mit ABS, ja, immer ja, sensationelle Bilder, Filme aus dem Windkanal – war ich jetzt in einem Ford oder einem BMW? Gut gemacht ...der Film in Worten?? Welch Anachronismus! Das Wort wird bald ganz von der Bildfläche verschwinden. Nein, brüllst du, lieber RDB, ich sehe dich auf dem Balkon stehen und für einen Moment die Fassung verlieren, aber du harrst aus dort oben und schaust dir den Abschaum der Köstlichkeiten an, der sich durch die Straßen wälzt, und dann stößt du einen Wortschwall von messerscharfen Beobachtungen aus, der sich zu einer schwarzen Wolke ballt, aus der die Worte wie Dolche regnen. "Ein andalusischer Hund" war der Film von Jugend und Tod, den ich dem witzigen, eleganten, durch und durch intelektuellen Paris mit der ganzen Wirklichkeit und dem ganzen Gewicht des iberischen Dolches mitten ins Herz stoßen wollte; sein Griff ist aus dem blutroten, versteinerten Boden unserer Urgeschichte gemacht, seine Klinge aus den inquisitorischen Flammen der heiligen, katholischen Inquisition, die verschmolzen sind mit dem Hohelied schwellenden, rotglühenden Stahls fleischlicher Auferstehung." Dali ist tot. 24. Januar 1989. Heute steht ein beschissener Nachruf in der Frankfurter Rundschau mit dem Unterton: eigentlich war er ja ein Scharlatan, ein Hampelmann der oberen Zehntausend, aber in seinem Narzißmus war er konsequent, das muß man ihm schon lassen... Die Leute, die so etwas schreiben, sind auch diejenigen, die jeden Furz, den Picasso einmal in seinem langen Leben gelassen hat, zum Meisterwerk erklären. Dalis Meisterschaft lag auf dem Gebiet der erotischen Inszenierungen. Und das ein Leben lang! Wie er schon im Alter von sieben Jahren, nackt, nur einen Königsmantel übergeworfen, im Treppenhaus vor dem Fenster steht, und, als die üppigen Brüste der Bäuerin im Fensterausschnitt erscheinen, – er hat vorher sein Diabolo in den Efeuranken der Hauswand versteckt und die Bäuerin aufgefordert, es zu suchen – er die Krücke an eine von der Decke hängende Melone anlegt, seinen Blick immer zwischen den Brüsten und der Melone hin und her wandern läßt, sie zuerst sanft berührt, dann den Druck verstärkt, bis sich genau in dem Moment, als die Bäuerin das Diabolo gefunden hat, und ihre Brüste wieder verschwinden, die überreife Melone über ihn ergießt. Dali, der Meister der Vorlust, der Anarchist auf dem Thron. Die letzte Bastion gegen das Mittelmaß ist gefallen. Ich hätte ihn gerne auf einem Silbertablett um das Cap Creus getragen, während die Fische ihre stummen Schnauzen aus dem Wasser gestoßen und den Liebestod gesummt hätten. Man sollte sein „geheimes Leben" verfilmen, aber wer sollte Dali spielen, vielleicht Mickey Rourke, diese Gurke?? Man müßte die vierte und die fünfte Welt durchkämmen und dort einen finden, den das Mittelmaß noch nicht erwischt hat. Gut gemacht. Professionell. Die Spaßpragmatiker. Wenn die Seele verfettet,wirds langweilig.. Die Kultur leidet an Übergewicht. Zuviele Rädchen, die sich mitdrehen. Ich sehe Brinkmann rufen: Weg mit der Kultur! Nur die Künstler und die Kritiker brauchen sie. Haltet das Leben frei von ihr! Soll das vielleicht ein kultureller Fortschritt sein, wenn die Massen ins Museum strömen?? Haha, weils chic ist, Kunst zu konsumieren, haha, Gottseidank wird es einem ja heutzutage nicht mehr so schwer gemacht, man kann schon bei den Schaufensterdekorationen der Boutiquen und Kaufhäuser trainieren und den Blick schärfen für die nächste Matinee. Es ist gar nicht so schwer, sich auf dem laufenden zu halten, man muß sich halt des öfteren sehen lassen, dann kommt alles andere, insbesondere der gute Geschmack, von selbst. Gottseidank gibt es noch Metzger und Putzfrauen, die sagen: Wat soll dat? – Die Zeiten ändern sich. Früher, als die Kultur noch nicht so fest im Sattel saß, wünschte man sich, daß die Putzfrauen in „Katzelmacher" und die Metzger in „Auch Zwerge haben klein angefangen" gingen. Kultur und Staat umarmen sich. Sie feiern das Mittelmaß, daß sich noch nie so lautstark und ausgeflippt zu Wort gemeldet hat wie heute. Alles in Butter. Seelenverfettung. Was ist langweiliger. als mittelmäßiger Luxus, Austern und Kaviar bei Hertie!? Bald können sie der dritten Welt die eigene Scheiße als Frikadellen verkaufen. Wenn die Gesellschaft die Kunst an ihr Herz drückt, dann ist es um die Kunst geschehen. Leider niemals umgekehrt. Wo gibt es noch einen andalusischen Hund? Man sieht nur diese kleinen Nuttenhunde mit rosa Schleifchen. Stop! Herbert Achternbusch zaubert jedes Jahr einen Film aus der Hosentasche, seiner eigenen, wohlgemerkt, und jeder von ihnen ist merkwürdig, wohlgemerkt! Gut gemacht, Herr Spielberg, – tut mir leid, daß ihr Name immer wieder herhalten muß, leider sind mir die anderen Namen aus ihrer Factory entfallen, – aber leider Scheiße, bestenfalls Himbeereis! Sagen Sie, wie kommt das, daß, wenn ich aus irgendeinem Film ihrer Bande komme, ich mich immer fühle, als hätte ich Faber Castell getrunken oder Zuckerwatte gefressen? – Da schaue ich mir doch lieber einen Berg an, oder ein Eichhorn, das Nüsse knackt, als ständig mit wohlriechendem Dreck beworfen zu werden. Gut gemacht, professionell – ich kann es nicht mehr hören! Godard sagt: unter Profis trete ich als Amateur, unter Amateuren als Profi auf, sagt Godard, c'est bonnard. Geist, Witz, Humor können niemals professionell sein, denn sie kommen von innen, von daher, wo es roh und merkwürdig ist, wo der Zeitgeist wenig erhellen kann. Gut gemacht! Rette sich wer kann – das Leben.
Damit man mich nicht falsch versteht, hier die Liste der zehn Filme für meine einsame Insel:
Achternbusch / egal welcher
Bergmann / Das siebte Siegel
Bresson / Lancelot
Bunuel / Los Olvidados
Huston / Unter dem Vulkan
Meyer / Pussy Cat Kill Kill Kill
Pasolini / Teorema
Taviani / Kaos
Valentin / Der Feuerwehrtrompeter
Visconti / Ludwig der Zweite